Ein politischer Führer und Akademiker, der den Weg des Dialogs und der Forderung nach Autonomie wählte
Am 13. Juli 1989 erschütterte die Nachricht von der Ermordung Abdul Rahman Ghassemlous in der österreichischen Hauptstadt Wien die Öffentlichkeit. Der Anschlag wurde zu einem der bekanntesten Fälle politischer Attentate mit Bezug zum Nahen Osten in Europa.
Ghassemlou, Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistans – Iran, gehörte zu den wichtigsten kurdischen Politikern des 20. Jahrhunderts. Er verband politische Arbeit mit akademischer Tätigkeit und setzte sich für ein demokratisches System im Iran ein, das den Kurden politische und kulturelle Rechte innerhalb des iranischen Staates garantieren sollte.
Von Urmia zur Führung der kurdischen Bewegung
Abdul Rahman Ghassemlou wurde 1930 in Urmia im Nordwesten Irans geboren. Schon in jungen Jahren begann er sich politisch zu engagieren, bevor er nach Europa ging, um seine Studien fortzusetzen.
Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Universitätsprofessor, bevor er sich wieder verstärkt der politischen Arbeit widmete und zu einem der führenden Köpfe der Demokratischen Partei Kurdistans – Iran wurde.
Ghassemlou war für seine geistige Offenheit und seine Sprachkenntnisse bekannt, die es ihm ermöglichten, mit internationalen politischen und akademischen Kreisen in Kontakt zu treten.
Die Demokratische Partei Kurdistans – Iran: Eine Geschichte politischer Konflikte
Die Demokratische Partei Kurdistans – Iran wurde 1945 unter der Führung von Qazi Muhammad gegründet und zählt zu den ältesten kurdischen Parteien im Iran.
Die Partei ist eng mit der Republik Mahabad verbunden, die 1946 in der Stadt Mahabad ausgerufen wurde. Sie brach jedoch weniger als ein Jahr später zusammen, nachdem iranische Truppen in die Stadt einmarschierten und Qazi Muhammad sowie mehrere führende Persönlichkeiten der Republik 1947 hingerichtet wurden.
Nach Jahren im Untergrund gewann Ghassemlou innerhalb der Partei an Einfluss. 1973 wurde er zum Generalsekretär gewählt und leitete eine neue Phase ein, in der die politische Organisation und internationale Beziehungen stärker in den Mittelpunkt rückten.
Demokratie für den Iran – Autonomie für Kurdistan
Ghassemlou vertrat eine politische Linie, die sich von einigen bewaffneten nationalistischen Bewegungen in der Region unterschied. Er forderte nicht primär die Unabhängigkeit, sondern ein demokratisches System im Iran, das den Kurden eine Selbstverwaltung in lokalen Angelegenheiten sowie den Schutz ihrer kulturellen Identität ermöglichen sollte.
Sein bekanntestes politisches Motto lautete:
„Demokratie für den Iran, Autonomie für Kurdistan.“
Seine Anhänger sehen darin den Versuch, die nationalen Forderungen der Kurden mit einem umfassenden demokratischen Projekt für den Iran zu verbinden.
Die iranische Revolution 1979: Von der Hoffnung zur Konfrontation
Nach dem Sturz des Schah-Regimes im Jahr 1979 begrüßte die Demokratische Partei Kurdistans – Iran zunächst den politischen Wandel. Doch bald kam es zu Konflikten mit der neuen Führung unter Ajatollah Ruhollah Chomeini.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung standen die Forderungen der Kurden nach Autonomie sowie nach Anerkennung ihrer politischen und kulturellen Rechte – Forderungen, die von der iranischen Regierung abgelehnt wurden.
Die Krise entwickelte sich zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen iranischen Streitkräften und den Einheiten der Partei, die mehrere Jahre andauerten und auf beiden Seiten zahlreiche Opfer forderten.
Das Attentat von Wien: Das Ende eines politischen Weges
Im Jahr 1989 begannen Kontakte zwischen Vertretern der iranischen Regierung und der Führung der Demokratischen Partei Kurdistans – Iran mit dem Ziel, Verhandlungen aufzunehmen.
Am 13. Juli desselben Jahres traf sich Ghassemlou in Wien mit iranischen Vertretern. Das Treffen endete jedoch mit Schüssen in den Räumlichkeiten des Treffens.
Bei dem Attentat wurden getötet:
– Abdul Rahman Ghassemlou, Generalsekretär der Partei.
– Abdullah Ghaderi-Azar, ein führendes Mitglied der Partei.
– Fadhil Rasul, ein kurdisch-irakischer Akademiker, der als Vermittler beteiligt war.
Der Anschlag löste internationale Bestürzung aus. Es wurden Vorwürfe gegen mit der iranischen Regierung verbundene Personen erhoben, die hinter der Tat gestanden haben sollen. Zu einem endgültigen Gerichtsverfahren in Österreich kam es jedoch nicht, nachdem die Verdächtigen das Land verlassen hatten.
Fortsetzung politischer Attentate
Die Ermordung Ghassemlous war nicht der einzige Anschlag auf die Führung der Partei.
1992 wurde sein Nachfolger Sadegh Sharafkandi zusammen mit drei weiteren Parteimitgliedern im Berliner Restaurant „Mykonos“ ermordet.
Der Fall führte später zu einem Gerichtsverfahren in Deutschland. Das deutsche Gericht stellte Verbindungen der Tat zu iranischen Verantwortlichen fest, was Teheran zurückwies.
Die Partei heute: Zwischen Politik und Opposition
Nach Jahrzehnten bewaffneter Auseinandersetzungen konzentriert sich die Demokratische Partei Kurdistans – Iran heute stärker auf politische und diplomatische Aktivitäten. Sie setzt ihre Arbeit außerhalb Irans fort, insbesondere in der Region Kurdistan im Irak.
Die Partei erklärt, dass zu ihren Zielen gehören:
– Aufbau eines demokratischen Systems im Iran.
– Einführung eines dezentralen Systems, das die Rechte verschiedener Volksgruppen garantiert.
– Schutz der kurdischen Sprache und Kultur.
– Verteidigung der Menschenrechte.
Das Vermächtnis Ghassemlous
Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Ermordung bleibt Abdul Rahman Ghassemlou eine zentrale Figur der modernen kurdischen Politikgeschichte.
Für seine Anhänger war er ein Denker und Politiker, der eine demokratische Lösung der kurdischen Frage anstrebte. Die iranischen Behörden betrachten ihn hingegen als Anführer einer bewaffneten Oppositionsbewegung.
Obwohl der Fall seiner Ermordung bis heute nicht vollständig abgeschlossen ist, bleibt der Name Ghassemlou mit einer wichtigen Phase der kurdischen Bewegung im Iran verbunden – und mit dem Versuch, ein politisches Projekt auf Grundlage von Dialog, Demokratie und den Rechten von Volksgruppen aufzubauen.









